Künstler Alexander Roitburd: Der Maidan und die jüdische Frage


Ich werde regelmäßig darauf angesprochen, wie ich als Jude gegenüber dem Maidan empfinde.

Alexander Roitburd, Künstler

Ich habe keinerlei besonderen jüdischen Empfindungen über den Maidan. Natürlich fühle ich mich auf dem Maidan als Jude. Als Jude fühle ich mich aber auch genauso in Hawaii am Strand, auf dem Roten Platz, im Metropolitan Museum of Art und auf dem Priwos-Markt in Odessa. Irgendeine zusätzliche Bedrohung aufgrund meines Judentums empfinde ich auf dem Maidan nicht. Einige Berufsjuden versuchen derzeit, in der Weltpresse eine Kampagne zu lancieren, die einen vermeintlichen Antisemitismus auf dem Maidan anprangert. Mein Urteil als Experte lautet: Auf dem Maidan gibt es keinen Antisemitismus. Es mag dort Antisemiten geben – aber die gibt es nicht nur auf dem Maidan. Sie sind überall – auch am Strand in Hawaii, auch auf dem Roten Platz, auch im Metropolitan Museum of Art auch auf dem Priwos-Markt in Odessa.

Die schlimmsten Ängste bezüglich eines antisemitischen Maidan hegen die Seelen ehemaliger russischer Juden aus Brooklyn, die ihre Kenntnisse über einen vermeintlichen totalen Antisemitismus aller Ukrainer von den Facebook-Seiten eines Anhängers der russischen imperialistischen Idee und Amerika-Hassers aus Murmansk beziehen. Das ist schon die gesamte Faktenlage. Im Laufe der realen zweimonatigen Geschichte des Maidan, auf dem sich durchgänig Tausende Menschen befinden, bin ich nicht einmal auf Antisemitismus gestoßen. Aus den Medien und Erzählungen sind mir gerade einmal vier Vorfälle bekannt, obwohl ich extra alle meine Bekannten gebeten hatte, mich über diesbezügliche Fakten informiert zu halten.

1. Der Auftritt einer durchgeknallten antisemitischen Dichterin, deren Namen ich vergessen habe. Sie stand ganz am Anfang einmal auf der Bühne, als noch jeder ans Mikrofon treten durfte. Seitdem lässt sie niemand mehr auch nur in die Nähe der Bühne. Dafür sind auf dieser Bühne zahlreiche Juden aufgetreten – Siessels, Portnikow und andere, auch ich. Die Pushkin Klezmer Band führte ihr Programm auf und erntete begeisterten Applaus des „antisemitischen“ Maidan.

2. Ein Krippenspiel mit einem „Jid“. Der „Jid“ ist eine traditionelle Figur im sogenannten „Wertep“ nach westukrainischer Tradition. Einige Ukrainer, zum Beispiel der Rektor der Lemberger Katholischen Universität, Pater Boris Gudsjak, haben dazu aufgerufen, von der Verwendung dieser Figur abzulassen. Doch das Volk möchte das nicht. Ich sehe darin nichts Schlimmes. Hand aufs Herz, ist das Bild des Goi in der jüdischen Folklore etwa immer positiv? Aber wir können doch wohl sauber zwischen unseren folkloristischen Traditionen und einer zeitgemäßen Toleranz unterscheiden? Warum sollen wir dann dasselbe Recht nicht auch den Ukrainern zugestehen?

3. Ein Vorfall im besetzten Rathaus, als einem Swoboda-Anhänger die Kippah eines Kameramanns nicht gefiel. Es kam zu einem Wortgefecht; eine Schlägerei konnte verhindert werden, und bei dem Kameramann entschuldigte sich ein ranghoher Führer der Swoboda-Partei.

4. Jemand schmierte auf ein Plakat, auf dem Asarow abgebildet war, das Wort „Jude“. Die Aufschrift wurde sofort übermalt.

Und das war’s schon!!! In jetzt schon über neun Wochen – alles!!! Noch Fragen? An wen? An die Millionen Menschen auf dem Maidan? An die von mir nicht besonders geschätzte Swoboda-Partei? An den noch nicht so recht einzuordnenden „Rechten Sektor“? An wen?

Nun, und was die Übergriffe auf Juden bei der Synagoge im Kiewer Stadtteil Podol angeht. Ich lebe in 200 Metern Entfernung zu ihr, und ich habe noch keine Teilnehmer des Maidan in ihrer Nähe gesehen. Die „schrecklichen nationalistischen Bandera-Anhänger“ haben anderes zu tun als auf Jeschiwa-Schüler Jagd zu machen – der Berkut schießt auf sie, bespritzt sie bei Minusgraden mit Wasserwerfern, verprügelt sie mit Gummiknüppeln. Glaubt wirklich jemand, dass auch nur einem von denen in den Sinn kommt, ans andere Ende der Stadt zu fahren, um einen Juden zu verprügeln, wenn es davon auch auf dem Maidan genügend gibt? Und selbst wenn das nur ich wäre. Ich habe ein wesentlich ausgeprägteres jüdisches Erscheinungsbild als der Konvertit Reb Dov Baer, der kürzlich Opfer eines von unbekannten Tätern ausgeübten Pogroms wurde.

Dagegen gibt es Hunderte und Tausende Zeugnisse von Juden über die auf dem Maidan herrschende Atmosphäre der Einheit und Brüderlichkeit. Ich habe natürlich Angst davor, zu klingen wie die sowjetischen Juden in ihren Briefen an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der UdSSR, in denen diese die israelische Militärclique verurteilen. Doch warum haben sich Menschen, die angeblich unsere jüdische Interessen vertreten, nicht für unsere jüdische Meinung interessiert?

Ich denke, dass wir nach dem Sieg alle offenen Fragen im Bereich der Beziehungen zwischen den Nationalitäten klären und Unausgesprochenes und gegenseitige Verletzungen beiseite räumen werden. Doch auch danach bleiben vermutlich noch Antisemiten übrig; was wäre die Welt denn auch ohne sie … Aktuell sind die ukrainisch-jüdischen Beziehungen auf dem Maidan kein Thema, und wer versucht, sie grundlos zu einem Thema zu machen, ist entweder ein Blödmann oder ein Provokateur.

Viel mehr beunruhigt mich der Antisemistimus unter den Einheiten der Sonderpolizei „Berkut“. Ein Staat, der seinem Volk keine attraktive Zukunftsaussicht bieten kann, kompensiert deren Fehlen traditionell mit einer Schutzideologie, die unbedingt ein Feindbild enthält. Und welches Feindbild hat sich im Laufe der Jahrhunderte als besonders effektiv erwiesen? Genau.

Wessen Partei ich persönlich in dieser Konfrontation ergreife, ist eindeutig. Im Krieg zwischen Gut und Böse bin ich auf der Seite des Guten. Dazu verpflichtet mich meine jüdische Ethik. Und genau deswegen steht auch die Mehrheit der ukrainischen Juden heute auf derselben Seite, und kein Propaganda-Schachzug ist in der Lage, etwas an diesem Bild zu verändern.

Quelle: Blog von Alexander Roitburd bei Ukrainska Prawda
Übersetzung aus dem Russischen: Tobias Ernst – Fachtexte vom Profi, Lesya Yurchenko

Alexander Roitburd stammt aus Odessa und ist einer der berühmtesten Gegenwartskünstler der Ukraine. Er wurde 1961 in Odessa geboren und lebt jetzt in Kiew. Seine Werke werden im Metropolitan Museum of Arts in New York, in der Tretjakow-Galerie in Moskau, im Russischen Museum in Sankt Petersburg, in PinchukArtCentre in Kiew, im Kunstmuseum von Odessa und zahlreichen Privatsammlungen gezeigt.

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