Die Schreckliche Rache von Wladimir Putin

Andreij Illarionow, ehemaliger Berater des russischen Präsidenten, ist überzeugt: Putin macht alles, damit es in der Ukraine zu einem flächendeckenden Krieg kommt. Darüber schrieb er in seinem Blog:


“Niemand wusste, wer er war. Er hatte schon gar feurig den Kosakentanz getanzt und die Leute, die sich um ihn drängten, durch einige Worte zum Lachen gebracht. Als aber der Hauptmann die Heiligenbilder emporhob, veränderte sich plötzlich das Gesicht des Kosaken: die Nase wurde lang und neigte sich auf die Seite, die vorher braunen Augen wurden grün, die Lippen blau, das Kinn erzitterte und wurde spitz wie ein Speer, aus dem Munde zeigte sich ein Hauer, hinter dem Kopf wuchs ein Buckel, und der Kosak verwandelte sich in einen Greis.
»Er ist es! Er ist es!« schrien die Leute, sich eng aneinander drängend.
»Der Zauberer zeigt sich wieder!« riefen die Mütter, rasch ihre Kinder bei den Händen packend.”
N. W. Gogol. Schreckliche Rache

W. Putin hat abermals gezeigt, dass er nicht nach Schablone handelt.
Auf die von allen Seiten gestellte Frage: ”hat er vor, sich die Krim anzueignen?” senkt er bescheiden die Augen als ob er antworten würde: “nicht jetzt… Erstmal – Bürgerkrieg”.

Nicht ganz im Recht sind diejenigen, die sagen: Putin will Krieg führen.
Jetzt will Putin keinen Krieg führen.
Jetzt will er, dass in der Ukraine ein Krieg geführt wird.
Dass die Ukrainer, Russen, Krimtataren einen Krieg führen.
Dass in der Ukraine ein flächendeckender Bürgerkrieg beginnt.

Das Haupt- und das einzige Ziel zahlloser Putinscher Provokationen der letzten Zeit (der bereits ausgeführten, der gegenwärtigen und der für die nächste Zeit geplanten) ist den Beginn eines Bürgerkriegs in der Ukraine zu provozieren.

All die frechen Erklärungen seitens des Außenministeriums der Russischen Föderation, Militärmanöver, Landungen der russischen Abgeordneten im Sewastopol, Erstürmungen des Krimer Parlamentsgebäudes und der Flughäfen in Simferopol und Sewastopol, Ernennung einer “Autoritätsperson” zum Ministerpräsidenten der Krim , dessen Partei bei den letzten Wahlen mit ganzen 3 Prozent abgeschnitten hat, Willkür der russischen Militäreinheiten auf der Krim, Verunglimpfungen der ukrainischen Fahne, die für die Ukraine und die Ukrainer beleidigende Medienkampagne, zynische Lobgesänge für die “Berkut”-Sadisten, Beihilfe zur Flucht und Deckung des Kriminellen Janukowytsch auf russischem Territorium, dessen sogenannten “Erklärungen” während der Pressekonferenz in Rostow, die Verbreitung seiner gefälschten Erlasse durch den Kreml-Pool, Aufrufe an russische “Touristen” im wehrpflichtigen Alter, in die Ukraine zu reisen, Mobilisierung der antiukrainischen Provokateure im Netz, Hunderte von anderen Fakten – all das sind die Bestandteile des Großen Plans Putins zur Entfesselung des Bürgerkriegs in der Ukraine.

Viele dieser Provokationen beleidigen vorsätzlich und demonstrativ den ukrainischen Staat, die ukrainischen Nationalsymbole, das ukrainische Nationalbewusstsein und zählen auf die unvermeidliche Reaktion.

In den letzten zwei Tagen hat sich die fünfte Kolonne der Provokateure in der Ukraine dieser Kampagne angeschlossen und fordert die neue ukrainische Regierung auf, “mit gesetzlich erlaubter Gewalt gegen Banditen und Terroristen vorzugehen”.

Es ist genau das, was der Kreml so anstrebt.

Das Ziel ist es, die neue ukrainische Regierung zu zwingen, zu provozieren, zu nötigen, damit diese reagiert, antwortet, Gewalt anwendet, Feuer eröffnet und am besten neue Opfer hervorruft.

Opfer müssen her – welche auch immer.

Durch die möglichen Handlungen der Regierung.
Als Resultat der politischen Zusammenstöße, des zivilen Widerstands, der religiösen Konflikte.
Gebraucht werden Opfer aller Art.
Aus der Reihen der Ukrainer, Russen, Krimtataren.
Im Westen und im Osten.
Im Zentrum und im Süden.
Bei den Einwohnern von Lwiw (Lemberg) und Charkiw.
Auf der Krim und in Odessa.
Bei Mitgliedern des “Rechten Sektors” und der “Russischen Einheit”
Zivilisten und Militärs.
Geistlichen. Christen und Moslems.
Wie immer wird es “sehr gut” sein, wenn Juden und Synagogen angegriffen werden.
Sie brauchen Leichen. Wessen auch immer.
Viele Leichen. Je mehr, desto “besser”.

Eine ukrainische Variante der “zwei Tausend ermordeten friedlichen Osseten” muss her.
Je resonanter der Tod von Mitgliedern der einen oder der anderen sozialen Gruppe – desto “wirksamer” der Propaganda-Schlag.

Das Ziel ist, einen Mechanismus in Gang zu setzen, der nicht einfach einen bürgerlichen Widerstand zur Folge hat, sondern eben einen flächendeckenden Bürgerkrieg in der Ukraine, eine Ruine Nummer zwei (in der Geschichte bedeutet Rujina, also die Ruine, den Zerfall der ukrainischen Staatlichkeit im 17. Jahrhundert, Anm. d.Ü.).
Wenn die neue ukrainische Führung, die sich erneuernde ukrainische Gesellschaft und ihre einzelnen Teile und Gruppen nicht durchhalten, sich provozieren lassen, so wird das „Öl-ins-Feuer-Gießen“ des entfachten Bürgerkrieges zu einer Sache der schon längst perfektionierten Technik.

Wenn es gelingen wird, einen flächendeckenden Bürgerkrieg in der Ukraine zu provozieren- eine neue “Ruine”, eine andere “Machnowschtschina”, eine ukrainische Variante der “Kadyrowschtschina” (hier – die Schrecken der Kadyrow-Herrschaft und Wirren der Tschetschenien-Kriege , Anm.d.Ü.) den Krieg aller gegen alle, im Laufe dessen die Zahl der Getöteten nicht an die Hunderte, wie auf dem Kyiwer Maidan, sondern an die Tausende im ganzen Land geht, dann:

– bekommen die Russen und Ukrainer einen Beweis dafür, dass in der Ukraine ein „allgemeines Chaos, ein Kollaps und die Katastrophe“ eingetreten sind;

– bekommt die ganze Welt das zu sehen, wovon Putin die westlichen Führer beim NATO-Treffen im Bukarest im April 2008 so leidenschaftlich überzeugen wollte, nämlich dass „die Ukraine sich als selbständiger Staat nicht verwirklicht hat“

– um die nicht ausgedachte, sondern reale Katastrophe zu verhindern, werden die Bewohner der Ukraine, unabhängig ihrer nationaler und religiöser Zugehörigkeit, politischer Überzeugungen und Wohnortes um die Einführung einer, wenn auch harten, doch absolut unentbehrlichen Ordnung bitten;

– so eine Ordnung, zumindest für manche Regionen, wird nur mit dem russischen Militär gesichert werden können, um deren Eingreifen in der Ukraine dann alle betteln werden – von einfachen Bewohnern der Krim und von Charkiv bis zum UN-Sicherheitsrat;

– dieser “flehenden Bitte” wird der Kreml-Herrscher (natürlich gegen seinen Willen) letztendlich nachgeben müssen.

Und dann endlich wird die Schreckliche Rache vollzogen. Die Schreckliche Rache von Wladimir Putin.

Die Rache an den freien Ukrainers, die es bereits zwei Mal in den letzten zehn Jahren gewagt haben, nicht nur die Befehle des Kreml-Herrschers zu missachten, nicht nur den mit ihm befreundeten Diktator zu stürzen und gleichzeitig ein großartiges Gefühl der Hoffnung anderen unterjochten Völkern zu geben (vor allem dem russischen Volk), sondern es jetzt auch wagen, die gestohlene Reichtümer und Technologien des kriminellen Machterhaltes der ganzen Welt zu präsentieren.

Die wichtigste und die schwierigste Aufgabe für die neue ukrainische Führung und alle ukrainischen Bürger besteht heute darin, zu überstehen, auszuhalten, sich in Geduld, Selbstbeherrschung und Ausdauer zu üben.

Sich nicht für den Massenselbstmord provozieren zu lassen.

Sich und das Land nicht dem benachbarten Diktator zum so begehrten Opfer werden zu lassen.

__________
Andreij Illarionow ist ehemaliger Berater des russischen Präsidenten.

Übersetzung – Lesya Yurchenko/Marina Bondas

Quelle: http://aillarionov.livejournal.com/629070.html

Advertisements
This entry was posted in Articles and tagged , , , . Bookmark the permalink.