Ein offener Brief von der Historikerin Anna Veronika Wendland

Ein offener Brief von der Historikerin Anna Veronika Wendland als Antwort auf Jörg Baberowskis Ausführungen, die ukrainische Nation sei sowieso ein Konstrukt und man kann die völkerrechtliche Verträge mit der Ukraine nicht beachten. Wendland zeigt wunderbar, dass in der Ukraine gerade eine politische Nation entsteht.

Brief an Prof. Jörg Baberowski, HU Berlin, zu seinem Artikel “Zwischen den Imperien” in der ZEIT Nr. 12/2014 vom 13.03.2014, S. 52

Lieber Herr Prof. Baberowski,

ich sitze gerade an einer, sagen wir mal, Erwiderung auf Ihren Artikel, die ich noch schreiben, oder vielleicht auch nur sprechen werde, letzteres auf der bevorstehenden 3. Deutschen Polenforschungstagung in Gießen. Und falls Sie vielleicht davon hören sollten, möchte ich, dass Sie es gleich von mir lesen und nicht vom Hörensagen.

Im Augenblick vertrete ich Peter Haslinger, der als Fellow am Imre Kertész Kolleg Jena ist. Ich wurde bei Andreas Kappeler mit einer Dissertation über die Russophilen-Bewegung in Galizien promoviert, arbeite viel zur vergleichenden Städtegeschichte Osteuropas und bereite gerade eine neue Monographie vor: “Atomogrady.
Kernkraftwerksstädte zwischen Utopie und Katastrophe im östlichen Europa 1965-2011”, also größtenteils sowjetische Stadt- und Technikgeschichte, die sich zu großen Teilen auch in der Ukraine entfaltete. Ich bin also eine Spezialistin für pro-russische und sowjetische Ukrainer, sozusagen. Und ich habe dafür, und auch für meine linksföderalistischen Überlegungen zur möglichen politischen Reform der Ukraine, schon viel Prügel von ukrainischen Nationalisten eingesteckt. Unter anderem habe ich den Vorwurf, ich sei von Moskau bezahlt worden, zusammen mit Paul R. Magosci mit einem Schmunzeln und als Ausweis wissenschaftlicher Unbestechlichkeit getragen.

In einer meiner Referenzstädte voller sovetskie liudi, in Kuznecovsk in der Ukraine, habe ich letzten Sommer zwei Monate geforscht und mehrere Wochen mit einem participant observer program im örtlichen Kernkraftwerk gearbeitet. (vgl. FAZ vom 13.03.2014) Ich habe sehr guten Kontakt zu jeder Menge Menschen, die Sie in Ihrem Artikel unter diejenigen subsumieren, die mit der Zugehörigkeit zur Ukraine nichts anfangen können – russischsprachige Ukrainer bzw. aus Russland stammende Spezialisten. Leute mit multiplen Identitäten und sowjetischen Migrationsbiographien. Menschen, denen jedwede ukrainische Nationalidee eigentlich suspekt ist.

Mein Befund auf der Grundlage von hunderten von Gesprächen im letzten Sommer, Telefonaten und e-mails der letzten Wochen weicht trotzdem von Ihrem Befund ab. Diese Leute haben nicht das geringste Interesse, sich von Putin befreien zu lassen. Womöglich können sie mit einer ethnozentrischen ukrainischen Nationalidee nichts anfangen – das verlangt aber in ihrer Lebenswelt auch gar niemand von ihnen. Sie können aber mit der abgelebten stalinschen Imperialidee eines Putin und seiner Gebistokratija genausowenig anfangen. Sie verstehen sich schlicht als Staatsbürger ihres Landes, und als Diener ihrer Gesellschaft, denn sie versorgen große Teile der Ukraine mit Strom.
Sie wollen das, mit ganz wenigen Ausnahmen, auch bleiben. Sie hielten das Kleptokratenregime in Kiev, das von den Bürgern fortgejagt wurde, für genauso inakzeptabel wie die Leute auf dem Majdan – auch wenn sie vielleicht nicht demonstrieren gegangen sind.

Und genau hier kommen wir zu einem gerade in Echtzeit zu beobachtenden historisch neuen Phänomen, der unter äußerem Druck ablaufenden Genese einer politischen mehrsprachigen Nation Ukraine, die weder Sie noch Putin auf der Rechnung hatten.

Da läuft nämlich gerade ab, was Sie erwähnen: eine Form von Vergesellschaftung, in der kein ethnozentrischer Nationalmythos mehr Menschen ausgrenzt. Die gegenwärtige revolutionäre Diskussion in der Ukraine wird zu 50% auf Russisch geführt. Woher kommt das? Weil in diesen Ereignissen eben nicht die Vorstellung einer “19.-Jh-Nation”, oder der Einfluss des Westens, wie Sie meinen, eine Rolle spielt, sondern die Idee und Willensäußerung einer neuen Generation von Ukrainern, russisch- wie ukrainischsprachiger Menschen, Großstädtern – der Wille, eine pluralistische demokratische Gesellschaft schaffen zu wollen. Der rechte Rand, der hier im Westen, genauso wie in Moskau, zur Hauptströmung hochgeschrieben wird, hat in der Gesamtukraine eine Wahlerfolgsaussicht von unter 5%. Er hat abgewirtschaftet.
Vorausgesetzt, man lässt die Ukrainer in Frieden und mit sicheren Grenzen frei abstimmen.

Zur “19. Jh.-Nation” Ukraine ist übrigens nur anzumerken – hier verweise ich auf die vielen Publikationen meines Lehrers Andreas Kappeler – dass auch in ihr auch schon erstaunlich viele Russischsprachige und Zweisprachige unterwegs waren, und das es gerade die Zentral- und Ostukraine war, wo diese Konzepte diskutiert wurden.

Zum Beispiel in Kiev (seit den 1840er Jahren, aber auch schon mit protonationalen Konzepten im späten 18. Jh.) und in Char’kov. Vom sowjetukrainischen Charkiv als ursprüngliche Hauptstadt der Sowjetukraine und Heimatstadt einer pulsierenden ukrainischsprachigen urbanen Kultur der 1920er Jahre mal ganz zu schweigen. Ihr Diktum von Kiev und Char’kov als “keine Orte nationaler Selbstvergewisserung” der Ukrainer entspricht also absolut nicht dem Forschungstand.

Hinsichtlich der Konstrukthaftigkeit der ukrainischen Nation und hinsichtlich der Genese oder Konstruktion oder Produktion der Ukraine in ihren bis gestern bestehenden Grenzen in der Sowjetukraine und im Stalinismus können wir wunderbar akademisch diskutieren – auf der Grundlage wiederum eines reichhaltigen Forschungsstandes. Sehr schön zusammengefasst ist das in: Die Ukraine, Prozesse der Nationsbildung, hrsg. v. Andreas Kappeler, Köln-Weimar-Wien 2011, in dem ich den Beitrag über die Transnationale Geschichte der Ukraine geschrieben habe. Wir haben, gemeinsam mit vielen ukrainischen KollegInnen, genau das getan, was Sie in der ZEIT erwähnen, – Mythen dekonstruieren, Denktabus auflösen. Wir sind die Feinde der Nationalisten. Richtig.
Dazu ist nur zu sagen, dass wir ebenso die nach dem Weltbilde Putins auf Linie getrimmte russische Nation Stück für Stück mit demselben Handwerkszeug dekonstruieren können, das Sie in dem ZEIT-Artikel der Ukraine angedeihen lassen. Das ist wahrlich eine lohnende Aufgabe.

Jedoch geht es im Augenblick, in dem wir als WissenschaftlerInnen in die Öffentlichkeit treten, weil wir gefragt werden, “was geht hier eigentlich vor? Erklärt es uns!” – um eine ganz andere Frage. Wir treten nämlich in diesem Augenblick aus dem Uni-Kolloquium auf die öffentliche Bühne und geben dann nolens volens auch politische Antworten. Und da geht es um die Frage, ob es legitim ist, im 21. Jahrhundert mit womöglich auch historischen Argumenten völkerrechtlich anerkannte Staatsgrenzen auszuradieren. Und um die Frage, wie wir uns als deutsche Osteuropahistoriker zu solchen Operationen positionieren.

Und spätestens hier, geschätzter Herr Kollege, möchte ich Sie darauf hinweisen, dass die Spezialisten für ukrainische Geschichte Putin, Kiselev und Dugin – abgesehen von den FSB-Märchen über eine Unterdrückung der Russen auf der Krim durch ukrainische Nationalisten, die wir hier mal wegen offensichtlicher Unseriosität nicht weiter diskutieren – genau auf Ihrer Linie in der ZEIT argumentieren, und diese dann noch ein klein wenig verlängern. Sie leiten nämlich aus einer angenommenen Konstrukthaftigkeit der ukrainischen Nation die Schlussfolgerung ab, dann sei diese Nation wohl eine Erfindung des Westens (oder eine polnische Intrige, wie man im 19. Jh. noch formulierte), folglich eigentlich überhaupt nicht existent, und dann könne man eigentlich auch den Staat, in dem sich diese Nation seit 1991 organisiert hat, Stück für Stück abtragen und dem Territorium der (bedauerlicherweise genauso konstrukthaften, no russischen Imperialnation einverleiben. Zur Stichhaltigkeit Ihres Vergleichs Krim/Südtirol (“warum gesteht man das nicht auch der Krim zu?”) ist übrigens nur anzumerken, dass die ARK als Autonome Republik “v sostave Ukrainy” einen weitgehenderen Autonomiestatus genoss als Südtirol v sostave Italii, dass also die Ukraine der Krim das von Ihnen verlangte Zugeständnis bereits längst gewährt hatte. Das Ergebnis heißt Sergej Aksenov und stand in den 1990er Jahren als “Avtoritet” einer lokalen Mafiabande unter mehrfachem Mordverdacht.

Nun, am Ende dieses Tages, nachdem der Führer den Wiedereintritt seiner Heimat in das Deutsche Rrrrr – tjfu! opaa! Chto ia govoriu!
Also! was sagen dazu, zum Beispiel, die multi-identitär-russischsprachigen Odessiten, in der Heimatstadt meines Mannes, eines zweisprachigen Nordkaukaso-Kosako-Polesso-Galiziers – in einem köstlichen Video, das Sie sich unter dem Titel “Zvonok Putinu s Odessy” aus dem Internet runterladen können: “Vladimir Vladimirovic!? Eto Vy? Odessa bespokoit. Vladimir Vladimirovic – idite…domoj.”

Mit herzlichem Gruß, Ihre
Anna Veronika Wendland

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