Andrej Kurkow : Ukrainisches Tagebuch

Ukrainisches-TagebuchAufzeichnungen aus dem Herzen des Protests

Wie weit kann man die Berichte aus der Ukraine glauben? Wie ehrlich, vollständig, unvoreingenommen sind sie? In den Medien und Foren liefern einander diverse Gruppen regelrechte Propaganda-Schlachten, während der flächenmäßig größe Staat Europas in seine Einzelteile zerfällt. 

Welch ein Glücksfall, wenn man dann aus der Feder eines weit über die Grenzen seinen Landes hinaus bekannten Schriftstellers gewissermaßen einen Live-Bericht bekommt.

Kurkow beschreibt in seinen Tagebuch-Eintragungen, die in diesem Buch veröffentlicht wurden, die Ereignisse vom dem Tag an, an dem der ukrainische Präsident Wiktor Janukowytsch den fertig ausverhandelten Vertrag mit der EU doch nicht unterschrieb, über das Aufwallen der Protestbewegung, die wir unter dem Namen Majdan kennen, bis hin zu den verdeckten Interventionen Russlands (Majdan ist übrigens nicht ein bestimmter Platz in Kiew. So wird ganz generell der Hauptplatz jeder Stadt bezeichnet).

In der Chronik der Ereignisse seit dem 21. November 2013 wird schon sehr rasch der Unterschied zwischen der Ost- und der Westukraine auch für Aussenstehende verständlich. Ein Unterschied, der die Basis für die heute bürgerkriegsähnlichen Zustände in der Ukraine ist. Im Westen mit der Hauptstadt Kiew der eindeutige Wille, näher an Europa zu rücken, im Osten die Machtbasis für Janukowytsch und die verbreitete Orientierung nach Russland.

Vieles wird beim Lesen wieder in Erinnerung gerufen, was in den danach folgenden Monaten geschah und was man vielleicht wegen der (s.o.) so unklaren Nachrichtenlage nicht immer richtig zuordnen konnte. Klar war und ist, das die Auseinandersetzungen immer mehr Todesopfer und Verletzte in allen Lagern fordern.

Und klar ist auch, dass in der Ukraine schon seit langer Zeit mehrere Lager einander unversöhnlich gegenüber standen und stehen. Diese zunächst latente Konfrontation wurde durch gezielte Provokationen immer mehr angeheizt.

Dank Kurkows Tagebuch ist es möglich, sich ein sehr umfassendes Bild über die Ereignisse machen. Es ist naturgemäßig nicht das Bild des ganzen Landes aber es ist eine der wenigen Reportagen, denen man getrost vertrauen kann, die einen repräsentativen Einblick bieten. Eine Zusammenfassung der Ereignisse, kombiniert mit Erläuterungen zu beteiligten Personen und historischen Hintergründen.

Kurkow steht zwar klar auf der Seite der europaorientierten Protestbewegung, doch das hindert ihn nicht, auch einen sehr kritischen Blick auf deren Protagonisten zu werfen. Während auf der Seite des Präsidenten die Berkut-Spezialeinheiten ungehemmt wüten, nutzen die Faschisten der Swoboda-Partei die Gunst der Stunde, um sich zumindest kurzzeitig an der Seite der Protestbewegung mehr Macht zu sichern, als ihnen zusteht (bei der Präsidentenwahl am 25. Mai 2014 wurden sie von den Ukrainern dann wieder auf eine Minimum zurechtgestutzt). Auf der anderen Seite, in der Ostkraine, sind die Faschisten jedoch weiterhin an forderster Front der sog. Separatisten zu finden.

Kurkow beschreibt, wie sich die Regierung immer häufiger der Sprache Putins und des Kremls bemächtigte, um u.a. auch in deren homophobe Demagogie einzustimmen. Man liest wie die Regierung die Berkut-Einheiten immer wieder auf die Protestierenden jagte, sich im nachhinein aber immer entrüstet über deren Brutalität gab. Man liest, wie Janukowytsch an der langen Leine Moskaus geführt wird und wie Russland von Anfang an zielgerichtet die Annexion der Krim und der östlichen Regionen der Ukraine betrieb.

Für mich ist Kurkows “Ukrainisches Tagebuch” ein enorm wichtiges Dokument zur Zeitgeschichte, lesenswert und zu empfehlen, wenn man an mehr Hintergründen interessiert ist, als man üblicherweise erfährt (auch wenn die Erwähnung und Beschreibung der Orte des Geschehens für Aussenstehende gelegentlich verwirrend ist). Zugleich ist das Tagebuch aber auch ein Dokument der Angst, der Unsicherheit, der Verzweiflung, der Ohnmacht und der Hoffnung; wie Menschen alle dieser Vorgänge, die wir nur aus den Medien kennen, selbst und direkt erlebt haben. Die Aufzeichungen enden mit dem 24. April 2014.

PS: ein Phänomen in diesem Zusammenhang sind die massenhaft auftretenden Pro-Putin/Pro-Separatisten-Poster in den diversen Foren. Ich verfolge das vor allem im Forum von derstandard.at und dort werden bei jedem neuen Beitrag zur Ukraine in kürzester Zeit dutzende, hunderte Post eingetragen, die einander in Form, Formulierung und Inhalt auffällig ähneln. Sieht stark nach gezielter Propaganda aus und findet in Deutschland und Österreich sehr verbreitet statt.

Gut, dass man ein gedrucktes Buch nicht mit so etwas zumüllen kann.

www.literatur-blog.at

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