Maidan: Zielscheibe mit Objektiv

© Foto: Privat In den letzten Monaten ähnelt das Kiewer Zentrum Filmaufnahmen aus dem Krieg, die nichts mehr übrig lassen von einer Stadt, die einst viele Touristen dank ihrer Sehenswürdigkeiten angezogen hat. Auf diese Weise ist der Maidan zum Mekka von Fotoreportern und Fernsehmitarbeitern geworden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, nach Sensationen zu jagen. Sie hätten nicht erwartet, selbst zur Zielscheibe zu werden. Zwischen dem 1. Dezember 2013 und dem 24. Februar 2014 wurden um die 160 Journalisten verletzt, während sie ihrer Arbeit nachgegangen sind und die Massenproteste des Landes näher beleuchteten. Einer unter ihnen hat seine technische Ausrüstung verloren, ein anderer wurde bei einer Granatenexplosion verletzt, ein weiterer wurde zufällig von einem Stein getroffen und in den anderen wurde absichtlich geschossen. Ein junger Maidan-Fotograph hat sich bereit erklärt, den To4ka-Treff Lesern einen Einblick in seinen Arbeitsalltag in einem Unruheherd zu gewähren. Außerdem lässt er uns an seinen Schlussfolgerungen teilhaben, nachdem er all diese Geschehnisse aus erster Hand miterleben konnte. 

Roman Pilipej ist 22 Jahre jung. Seit über zwei Jahren arbeitet er als Fotoreporter. Seine Aufnahmen dienen den ukrainischen Medien, manchmal arbeitet er auch für ausländische Kunden. Seit Anfang an befindet er sich im Zentrum des Geschehens. Sein Engagement und Enthusiasmus haben viel dazu beigetragen, dass einige seiner Bilder im Stern, bei Der Standard und bei Rzeczpospolita veröffentlicht wurden. Doch diese persönlichen Qualitäten haben ihn nicht davor bewahren können, ein Kopfsteinpflaster an den Kopf zu bekommen.

Roman, haben Sie bereits vor den Geschehnissen auf dem Maidan in Unruheherden gearbeitet?

Was lokale Konflikte betrifft, bei denen Polizei, die Spezialeinheit Berkut und Demonstranten aufeinander treffen, so habe ich solche Ereignisse bereits vor dem Maidan erlebt und aufgenommen. Aber man muss auch dazu sagen, dass es sich nicht um so ein großes Ausmaß wie auf dem Maidan gehandelt hat. Unruheherde, bei denen es tatsächlich zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt, habe ich noch nicht erlebt.

Haben Sie sich dafür extra vorbereitet?

Ich habe keine Schulungen für Arbeitseinsätze in Risikogebieten absolviert. Zwar habe ich mich dafür interessiert, doch in der Ukraine gibt es keine Organisation, die sich mit Schulungen solcher Art für Journalisten beschäftigt. Mir ist bekannt, dass im Ausland solche Kurse existieren. Um dennoch nicht völlig unvorbereitet zu sein, haben wir erfahrene Kollegen zu Rate gezogen, die bereits in Krisengebieten gearbeitet haben. Im Allgemeinen habe ich die älteren Kollegen gefragt, welche Position man während der Aufnahmen am besten einnehmen sollte, wenn es zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Protestlern kommt.

© Foto: Privat Wie oft waren Sie auf dem Maidan?

Wenn man die gesamte Zeit der Demonstrationen berücksichtigt, dann war ich dort sehr oft anzutreffen. Es gab auch Perioden, während der ich überhaupt nicht nach Hause gefahren bin. Als es zu den Auseinandersetzungen auf der Gruschewskaja Straße kam, hab ich dort fast jeden Tag gearbeitet.

Innerhalb von drei Monaten wurden in der Ukraine 163 Journalisten – ausländische und ukrainische – von Schüssen, Steinen und Schlagstöcken verletzt. Unter den Opfern befinden sich berühmte Journalisten von Reuters und Associated Press. Was kann getan werden, um die Sicherheit derjenigen Journalisten zu gewährleisten, die in Unruheherden arbeiten?

Anfangs habe ich viel Wert darauf gelegt, eine Weste mit der Aufschrift Presse zu tragen. Doch nach den Vorfällen auf der Gruschewskaja Straße wurde zielgerichtet auf Presseleute geschossen, sodass ich mich sicherer gefühlt habe, wenn ich diese Weste nicht getragen habe. Schutzhelme und -brillen sollten unbedingt getragen werden. Aus eigener Erfahrung kann ich ebenfalls den Tipp geben, dass man darüber hinaus eine Schutzbekleidung für Hände und Beine haben sollte. Einmal war ich ohne Helm unterwegs und habe einen Stein an den Kopf bekommen. Zum Glück wurde ich nur leicht gestreift, sodass die Wunde genäht werden konnte und ich nach einem Tag wieder auf den Maidan zurückgekehrt bin.

Macht es Ihrer Meinung nach Sinn, dass Journalisten, Fotographen und Kameramänner weiterhin ihr Lebens riskieren, nur um an gutes Material zu kommen?

Ich denke, dass es die Pflicht der Kameramänner und Photographen ist, die Geschehnisse zu dokumentieren. Wer sonst soll es tun? Das Risiko muss allerdings gerechtfertigt und wohl überlegt sein. Für die Aufnahmen sollte man sich ungefährliche Orte aussuchen. Es macht selbstverständlich keinen Sinn, direkt ins Zentrum zu laufen, wo geschossen wird und alles in die Luft fliegt.

Es haben sich sicherlich auch weibliche Kollegen mit Ihnen auf dem Maidan aufgehalten. Was halten Sie davon, wenn Frauen unter solchen gefährlichen Bedingungen arbeiten?

Ich habe viele Journalistinnen auf der Gruschewskaja Straße getroffen und ich denke nicht, dass es etwas Ungewöhnliches ist. Im Gegenteil, mich hat es sehr stark verwundert, als weibliche Journalisten gegen ihren eigenen Willen aus der Gefahrenzone gerissen wurden. Es hat überhaupt keine Rolle gespielt, dass diese Frauen ihren Pflichten als Journalisten gegenüber der Redaktion nachgehen.

In welchen internationalen Medien wurden ihre Bilder veröffentlicht?

Es wurden sehr viele Bilder aus dieser Zeit veröffentlicht: auf zwei Seiten im Stern, auf den Titelseiten in Der Standard und Rzeczpospolita. Weitere wurden auf den Webseiten der Time, Los Angeles Times, Washington Post, Boston Globe und des Gurdian publiziert.

Viktoria Bilasch, 24, Kiew
Übersetzung: Elena Hetzel
Copyright: To4ka-Treff
April 2014

To4ka-Treff

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